Theoretischer Hintergrund

Für die Konzeption dieses Projekts waren bestimmte theoretische Grundannahmen leitend. So nehmen wir rechte Ideologien nicht ausschließlich als Phänomen des rechten Rands, sondern als Bestandteil gesellschaftlicher Prägung auch in der Mitte der Gesellschaft wahr.[1] Zentraler Aspekt dieser Ideologien ist das Syndrom der gruppenbezogenen Men­schen­­feindlichkeit. Dessen Kern – eine Ideologie der Ungleichwertigkeit – führt zu einer Abwertung und Ausgrenzung von konstruierten Menschengruppen. Zum Teil ist dies auf Überforderungen durch eine Vielzahl komplexer gesellschaftlicher Anforderungen zurückzuführen. Ziel präventiver Arbeit gegen Rechtsextremismus sollte es sein, bei der Entlastung von diesen Anforderungen zu unterstützen sowie Empathie und Unrechtsempfinden zu stärken.[2]

Angesichts langjähriger Arbeit mit Grundschüler_innen und in der Rechtsextremismusprävention gingen wir von folgenden Grundannahmen für das Projekt aus:

  1. Von Prävention gegen Rechtsextremismus kann nur gesprochen werden, wenn noch keine festen geschlossenen rechten Weltbilder vorhanden sind.
  2. Mit Kindern präventiv zu arbeiten, bedeutet vor allem, diese in ihrem Unrechtsempfinden zu stärken. „Haben alle die gleichen Chancen, ihre Träume zu verwirklichen?“ und „Ist das gerecht?“ waren daher die leitenden Fragen der Projekttage. Darüber hinaus sollte im Projekt ein fairer und gerechter Umgang untereinander für die Kinder selbst als subjektiv sinnvoll erlebt werden können.
  3. Kinder leben nicht in einem politikfreien Raum, sie sind Mitglieder unserer Gesellschaft und nehmen Diskussionen zu gesellschaftspolitischen Themen wahr, die sonst meist nur von (jungen) Erwachsenen – und dies zum Teil sehr emotional – geführt werden. Ziel der Projekttage war es, komplexe Fragen und Themen zu kontextualisieren, altersangemessene Zugänge zu finden und den Kindern so eine vorurteilsbewusste Meinungsbildung zu ermöglichen.
  4. Allein Wissen und Fakten zu vermitteln und deshalb anzunehmen, dass Kinder nicht mehr für rechte Ideologien anfällig seien, ist ein Irrtum. Wichtiger ist es, Verständnis dafür zu wecken, dass sie sowohl von Ausgrenzung betroffen sein als auch aktiv ausgrenzend handeln können. Hierzu empfiehlt es sich, mehr als nur kognitive Zugänge anzubieten. Emotionale, konkrete und praktische Erfahrungen zu ermöglichen, hatte daher einen hohen Stellenwert bei der Planung der Projekttage. So sollte das Erstellen eines Videofilms am dritten Projekttag den Kindern die Möglichkeit bieten, das Gelernte unmittelbar kreativ umzusetzen.
  5. Um zu gewährleisten, dass gemeinsam an einem Thema gearbeitet wird, zu dem die Kinder die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mitbringen, sind sie in die Themenwahl mit einzubeziehen. Für die Umsetzung bedeutete dies, dass die Schüler_innen über das Vertiefungsthema des zweiten und dritten Projekttags selbst entscheiden konnten. Den Kindern die Wahl zu lassen, hieß für uns – die Erwachsenen – diese Entscheidung auszuhalten. Speziell für unsere Kooperationspartner_innen (Schule und Lehrer_innen) bedeutete dies, sich auf ein Projekt einzulassen, bei dem zwar der Rahmen klar definiert war, einzelne Inhalte aber erst im Verlauf festgelegt werden konnten.

[1] Vgl. O. Decker, J. Kiess und E. Brähler: Die Mitte im Umbruch, Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012 / Friedrich-Ebert-Stiftung [Hg.], Bonn 2012. (sowie weitere Bände der Mitte-Studie) und vgl. W. Heitmeyer: Deutsche Zustände, Bd. 1-10, Berlin 2002-2012.

[2] Vgl. K. Debus und V. Laumann: Rechtsextremismus, Prävention und Geschlecht, VIELFALT_MACHT_SCHULE / Hans-Böckler-Stiftung [Hg.], Düsseldorf 2014.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.